Die Anrufung des Namens Gottes inmitten einer gottvergessenen Welt

Als Abraham dem Ruf Gottes folgte, aus seinem Vaterland auszuziehen, kam er als Fremdling in das verheißene Land. „… es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Land“ (Gen 12,6). Dennoch baute er dort in der Fremde dem HERRN an zwei Orten einen Altar „und rief den Namen des HERRN an“. Er – ganz allein! So tat er kund, dass dieses fremde Land dem Herrn gehört und dass Gottes Name über ihm steht, auch wenn vorerst nur er allein um diesen Herrn weiß und ihm gefolgt ist.

Haben nicht unsere Gottesdienste in der heutigen säkularen Welt eine ganz ähnliche Bedeutung? Sind sie nicht Zeugnis dafür, dass auch ein Land oder eine Gesellschaft, die den Namen Gottes schon fast vergessen hat, dennoch in seiner Reichweite geblieben ist und bleibt? Selbst da, wo es nur noch zwei oder drei sind, die zum  gemeinsamen Gebet, zu Lob, Anbetung, Lesung der Schrift und Fürbitte zusammen kommen, tun sie kund, dass auch dieses Dorf oder jener Stadtteil zu Gott gehören und dass auch über diesen Orten der Name Gottes steht.  „Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“, heißt es im 24. Psalm. Es scheint hohe Zeit zu sein, von hier aus über die Bedeutung des Gottesdienstes aufs Neue nachzudenken und ihm seine zentrale Stellung im Leben unserer christlichen Gemeinden zurück zu geben.

Die westfälische Präses, Annette Kurschus, hat anlässlich der ihr verliehenen Ehrendoktorwürde an der theologischen Fakultät in Münster einen wichtigen Vortrag gehalten. [1] Bemerkenswert ist schon die heute nicht übliche Fragestellung. Nicht darum, wie sich die Kirche anders organisieren soll, um für die Zukunft „gut aufgestellt“ zu sein, nicht, wie sie rein säkular lebende und denkende Menschen noch irgendwie ansprechen kann, geht es hier. Frau Kurschus beschreibt in Anlehnung an Formulierungen Karl Barths die eigentliche, die zentrale Aufgabe von uns ordinierten Theologen und Theologinnen: dass wir „mitten in der Welt von Gott reden – was wir nicht können und doch sollen“ und dass dies Reden „in jeder Situation eine neue Herausforderung“ bedeutet (276). Denn bei dieser Aufgabe gilt es, zwei Horizonte miteinander in Kontakt zu bringen, die „geheimnisvolle Wirklichkeit Gottes“ und den „vertraute(n) Alltag der Welt“ (281). „Eine neue Welt ragt da in unsere gewöhnliche, alte Welt hinein“. Wir werden „aus der alten Menschheitsatmosphäre heraus an die offenen Tore einer neuen Welt, der Welt Gottes“ geleitet. [2] Auf dieser Türschwelle „ist nicht mehr der Alltag der Welt normativ, sondern der ungeahnte und unglaubliche Möglichkeitshorizont Gottes“ (282). Daher sei dies „unsere  vornehmste Aufgabe als Theologinnen und Theologen, das Leben und die Welt für die Transzendenz offen zu halten. Indem wir von Gott reden; indem wir nicht müde werden, die Krafträume aufzusuchen, die uns die biblischen Texte eröffnen, und die Orientierungspfade zu betreten, auf die uns die biblischen Sprachformen locken“ (285).

Aber wie geschieht dies? „Gibt es einen Weg, Gottes Gegenwart und die Wirklichkeit der Welt zusammenzuführen?“ (284). Frau Kurschus denkt, ihrem Amt entsprechend, an die öffentliche Rede kirchlicher Repräsentanten und auch an die „kleinen Formen“ öffentlicher Ansprache, die sie selbst gern und immer wieder gebraucht. Doch es gibt auch noch einen anderen und viel entscheidenderen Ort, an dem das Gemeinte geschieht: ein Ort, wo mitten unter uns „die geheimnisvolle Wirklichkeit Gottes und der vertraute Alltag der Welt“ in Kontakt treten, wo sich eine Tür öffnet in das hinein, was in der jenseitigen Welt Gottes bereits „grundgelegt“ ist. Es ist der so ins Abseits geschobene, nicht mehr wertgeschätzte, ja, herabgewürdigte Gottesdienst der christlichen Gemeinde! [3] Hier wird, auch wenn nur noch von wenigen Christen gefeiert, der schon fast vergessene und dem allgemeinen Bewusstsein entschwundene Name Gottes angerufen, hier wird er, offenbar geworden in seinem Sohn Jesus Christus, öffentlich genannt. Und das nicht nur von einzelnen Vertretern der Christenheit, sondern von einer Gruppe von Menschen, einer christlichen Gemeinschaft. Und sie nennt diesen Namen nicht bloß. In ihren Gottesdiensten wird das Elend der Welt – etwa in der Fürbitte – vor dem Angesicht des dreieinigen Gottes und in seiner geglaubten Gegenwart ausgesprochen. Hier wird in Bitte und Klage zu ihm gerufen. Hier wird über alle Fragen und Nöte hinaus IHM, in dem die neue Welt der Liebe, der Barmherzigkeit und Versöhnung schon ihren Anfang nahm, die Ehre gegeben; hier wird sein Lobpreis angestimmt. Und damit dies auch öffentlich geschieht, nicht im Geheimen, und jedermann, der möchte, hinzu kommen kann, dazu läuten sogar an jedem Sonntag morgen über den Ort hinweg die Glocken! Sie zeigen es an, auch ohne ausgesprochene Worte, dass die „Erde des HERRN ist“, und dass all ihre Bewohner, auch wenn sie es nicht wissen und nicht wissen wollen, unter seiner gnädigen Herrschaft leben und auf ihn zugehen.

Seit den Anfängen der Christenheit geschieht die Anrufung des in Jesus Christus nahe gekommenen Gottes am ersten Tag der jüdischen Woche, unserem Sonntag. Denn dieser Tag ist der Auferstehungstag Jesu, der „Tag des HERRN“, der jedem Sonntag, auch in den nicht-österlichen Zeiten des Kirchenjahres, einen österlichen Glanz gibt.

Doch nun stehen wir vor der absurden Situation, dass dieser ausgezeichnete Ort christlichen Bekennens, da die transzendente Wirklichkeit des dreieinigen Gottes hineinragt in die sich selbst genügende Welt, kaum noch geachtet wird. Es ist schon fast die Regel, vielleicht noch die geselligen Veranstaltungen einer Gemeinde zu besuchen, aber nicht dieses zentrale Geschehen  christlichen Lebens. Und weil die gottesdienstlich sich versammelnde Gemeinde immer kleiner wird, haben dann auch die zuständigen Pfarrpersonen – salopp gesagt – keine Lust mehr. Es scheint sich nicht zu lohnen, nur für einige wenige einen Gottesdienst mit Predigt und Orgelklang vorzubereiten. - Ja, es muss sich etwas ändern! Aber was?

Die gegenwärtige Antwort auf den beschriebenen Missstand ist - von Kirchenleitungen, Präsides, Superintendenten und vor allem sehr vielen Pfarrkollegen befürwortet (und durch den laufenden Reformprozess mit seinen Gemeindefusionen und Kirchenschließungen kräftig vorangetrieben) -  die Reduktion, die Ausdünnung der gottesdienstlichen Feiern. Da es ja nur noch die zwei oder drei sind, die an einem Ort, in einem Stadtteil, in einem Dorf zusammen kommen, lege man die Feiern doch einfach zusammen! Zentrale Gottesdienste, Nachbarschaftsgottesdienste, Kirchenkreisfeiern, Gottesdienste an bestimmten Orten und zu besonderen Gelegenheiten  sind im Trend und werden zunehmend auch von Kirchenleitungen unterstützt. Dazu mögen Gemeindeglieder aus der Ferne (die Klimaschützer mögen aufmerken!) mit dem Auto anreisen oder sich mitnehmen lassen, schließlich leben wir in einer mobilen Gesellschaft. Und wer denn wirklich noch regelmäßig einen sonntäglichen Gottesdienst besuchen will, der möge – der Anschlag an der Kirchentür kann es ihm zeigen – in dieser Woche in diesen Ort, in der nächsten in einen anderen Ort fahren und den dortigen Gottesdienst mitfeiern. Das offizielle Argument für diese Diffusion  lautet, die Menschen sollen und wollen doch in einer größeren Gemeinschaft Gottesdienste feiern, die leeren Kirchenräumen würden nur bedrücken und die jetzt so verringerten Feiern könnten eben darum  „kompetenter“ gestaltet werden.  Aber nebenbei mag auch noch der andere Grund mitschwingen, dass Pfarrpersonen auf diese Weise ganz einfach entlastet werden. Haben sie doch genug zu tun, den Gemeindebetrieb mit seinen verschiedenen Kreisen, Sitzungen und Besprechungen, dem Besuchsdienst, den Freizeiten und Gemeindefahrten und – nicht zuletzt - der Verwaltungsarbeit aufrecht zu erhalten. Wie entlastend ist es da, nicht mehr selber den sonntäglichen Gottesdienst und die Predigt vorbereiten zu müssen, dies einem Kollegen überlassen zu können. Ja, am Ende muss man auch nicht mehr selbst bei diesen zentralisierten Feiern anwesend sein. Es tragen ja andere die Verantwortung. So kann man endlich einmal wie andere Arbeitnehmer auch ein ganzes Wochenende frei haben und nach eigenen Bedürfnissen gestalten.

Doch wohin führt dieser Weg? Das Zusammenlegen von Gottesdiensten und anderen Gemeindeaktivitäten soll einen frischen Wind in vermeintlich nur auf sich selbst bezogene Gemeinden bringen. Dem stehen allerdings immer wieder gemachte Erfahrungen gegenüber: dass zu den zentralen Gottesdiensten zwar noch Glieder der jeweils ortsansässigen Gemeinde kommen. Doch Menschen aus den anderen Gemeinden, deren Kirchentüren nun geschlossen sind, bleiben weg. Noch mehr: auch die bisher noch den Gottesdienst suchende Gemeinde lernt, dass es auf den sonntäglichen Gottesdienst gar nicht so ankommt. Wenn nur noch alle paar Wochen ein Gottesdienst in der eigenen Gemeinde gefeiert wird, wenn die Kirche am Ort verschlossen bleibt, die Glocken schweigen, man nicht mehr verlässlich weiß, ob denn nun ein Gottesdienst stattfindet oder nicht, ob es sich also lohnt, überhaupt zu ihm aufzubrechen, so schwindet auch immer mehr aus dem Bewusstsein, was der Sonntag bedeutet. Man verplant ihn, man nutzt ihn zur eigenen leiblichen Rekreation. Und die Kirche tut das ihre, um diesen Bewusstseinswandel auch bei den ihr noch Verbundenen voranzutreiben.

Aber ist nicht – noch einmal sei es gesagt - der Sonntag der „Tag des Herrn“[4]? Ist nicht die Christenheit seit ihren ersten Anfängen am ersten Tag der jüdischen Woche, dem Tag der Auferstehung Jesu Christi [5], zusammengekommen, um miteinander – oft erst in Privathäusern - den HERRN anzurufen, ihm Loblieder zu singen, sich zu verpflichten, in den Spuren Jesu zu bleiben? [6] Und ist nicht die regelmäßige gottesdienstliche Feier am Sonntag durch die Jahrhunderte hindurch der zentrale Punkt der Sammlung und Zusammenkunft der Christen eines Ortes, einer Stadt, eines Dorfes geblieben? Wo geschieht es denn sonst, dass „die geheimnisvolle Wirklichkeit Gottes und der vertraute Alltag der Welt“ miteinander in Kontakt treten? Wo dürfen wir dessen gewiss werden und dies feiern, dass wir schon auf der Türschwelle zur neuen Welt Gottes, der Welt seines Erbarmens, stehen? Es ist der Menschen verschiedener sozialer Schichten, verschiedenen Alters, unterschiedlicher Bildungsgrade und Berufe vereinende Gottesdienst am Tag des Herrn, der diese Bedeutung hat, auch wenn die feiernde Gemeinde nur noch sehr wenige umfasst. - Erst unserer heutigen Generation scheint es vorbehalten, uns mal eben und mit sehr leichtem Gepäck über diese zweitausendjährige Tradition hinwegzusetzen.

Es ist an der Zeit, über andere Reformen nachzudenken, die allerdings den heute eingeschlagenen „neuen Wegen“ entgegenlaufen. [7]  Nicht wie die kirchlichen Strukturen so verändert werden können, dass die Volkskirche erhalten, die Gesellschaft durch eine Vielzahl religiöser Angebote versorgt, potente Kirchensteuerzahler der Institution erhalten bleiben, ist die in die Zukunft der Kirche weisende Aufgabe. Es gilt, endlich entschlossen den Weg in die Gemeindekirche zu gehen, eine Kirche profilierter Gemeinden, deren Glieder „mit Ernst“ (Luther) Christen sein wollen.

Einige Schritte auf diesem Weg seien kurz benannt:

a)      Es geht um die Sammlung derer, die auch in der säkularen Welt Christen sein und bleiben wollen. Sie dürfen in einer Kirche, die sich heute so eifrig den Kirchenfernen und Distanzierten zuwenden will, nicht im Stich gelassen, sondern müssen ermutigt werden, ihrem Glauben treu zu bleiben. Sie sind angewiesen auf Menschen, die mit ihnen gemeinsam auf dem Weg sind.

b)     Dringend notwendig ist weiter die theologische und geistliche Zurüstung. Glieder der Gemeinde sollen wissen, warum sie Christen sind und was Christsein in der heutigen Zeit bedeutet. Und das nicht nur für sich selbst. Sie müssen heute mehr denn je auskunftsfähig sein, so dass sie, angefragt oder von anderer Seite herausgefordert, nicht verstummen, sondern sagen können, was ihnen der christliche Glaube bedeutet und was sein Kern ihrer Erkenntnis nach ist.

c)     Zu solcher Zurüstung gehört wesentlich, dass Gemeindeglieder wieder entdecken, welche Bedeutung der regelmäßig gefeierte Gottesdienst am Sonntag hat. Vielleicht werden sie erspüren, wie wichtig und schön es ist, dass einmal in der Woche die ganze Gemeinde zusammenkommt, um nicht sich selbst, sondern Gott die Ehre zu geben, seinen Namen anzurufen, ihm ihre Lieder zu singen, um aber auch vor ihm alle Not auszusprechen, für Menschen in der Ferne und Nähe fürbittend einzutreten. [8] Solch ein Gottesdienst, auch in kleinen Orten und von nur wenigen gefeiert, ist dennoch ein Signal, dass auch dieses Dorf oder jener Stadtteil Gott zugehört, dass die Herrschaft seines Erbarmens auch an und für diesen Ort grundgelegt ist.

Nicht immer muss ein akademisch ausgebildeter Theologe diesen Gottesdienst leiten. Eine in ihrem Glaubenswissen zugerüstete Gemeinde wird fähig sein, an den Sonntagen, an denen der eigene Gemeindepfarrer an anderen Orten seinen Dienst tut, ohne ihn zusammen zu kommen, um miteinander zu singen, zu beten, das Schriftwort zu hören, vor Gott zu tragen, was jeden Einzelnen bewegt.

Das Zusammenkommen in Kreisen, das gemeinschaftliche Feiern von Festen, Gemeindefreizeiten und Reisen  sind eine schöne Zugabe. Doch für sich allein macht die Geselligkeit nicht die Kirche aus. Geselligkeit finden Menschen auch an anderen Orten. Es sind zusätzliche Dienste, die die Kirche je nach Möglichkeiten und Mitteln gerne anbietet.

d)     Unsere Kirche wird sich mehr und mehr auf eine Zeit einstellen, in der sie nicht mehr die Finanzmittel hat, um hauptamtliche Mitarbeiter zu finanzieren. In der es, wie sich schon heute abzeichnet, auch nicht mehr viele akademisch ausgebildete Theologen gibt. Doch deshalb kann man nicht, wie es im gegenwärtigen „Reformprozess“ geschieht, die Gemeindegrößen ins Unüberschaubare zerdehnen, Gemeinden in Großgebilde hinein verschwinden lassen, Gottesdienste einstellen, an die Stelle gemeindenaher Personen, die ihren Dienst in der ihnen bekannten Gemeinschaft tun, multiprofessionelle Teams setzen, die ihre Fachleute je nach Nachfrage herumschicken. In der Gemeindekirche wird es entscheidend auf die sog. Laien ankommen. Dass es Christen gibt, die unentgeldlich oder im Nebenamt zur Übernahme von Verantwortung in der ihnen bekannten Gemeinde bereit sind, die dafür ausgerüstet, ja, am Ende auch „ordiniert“ werden, um Seelsorge zu üben, Kinder zu unterrichten, sogar den sonntäglichen Gottesdienst zu leiten.

Akademisch ausgebildete Theologen wird die evangelische Kirche auch in der Zukunft dringend brauchen, schon um zu verhindern, dass „wir uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen“ (Eph 4,14). Aber von ihrer Zahl kann es nicht abhängen, ob Gemeinden auch in der Zukunft noch eigenständig bestehen dürfen, ob Gottesdienste gefeiert, Kinder unterrichtet, Kranke besucht, Gemeinden durch Älteste, die an Ort und Stelle wohnen, geleitet werden etc.

e)     Am wichtigsten von allem wird sein, dass die evangelische Kirche auf dem Weg zur Gemeindekirche aus der – babylonischen - Gefangenschaft marktwirtschaftlicher Zwänge endlich wieder frei wird.

Nicht das Gesetz von Angebot und Nachfrage, oder umgekehrt:

von Nachfrage und Angebot, kann und darf weiterhin kirchliches Handeln und Entscheiden dominieren.

Nicht die Zahl, wie viele Gemeindeglieder sich zum sonntäglichen Gottesdienst versammeln, kann und darf darüber entscheiden, ob der Gottesdienst am Sonntag zurückgedrängt, durch Zielgruppen-orientierte oder Anlass-bezogene Gottesdienste ersetzt oder ganz abgeschafft wird.

Nicht die zurückgehende Zahl nachwachsender Theologen,

nicht die Prognose abnehmender Kirchensteuermittel oder ihr tatsächliches Schwinden kann den Grund liefern, um kirchliche Gemeinden mit ihrer oft lebendigen Gemeindearbeit in Großgebilden aufgehen, ihr Gemeindeleben veröden zu lassen.

 

Und: Nicht das, was in der Gegenwart bei den Zeitgenossen gut ankommt, kann und darf die Ausrichtung der kirchlichen Verkündigung bestimmen.

Eine Kirche, die auf die Gaben setzt, die in jeder Gemeinde schlummern, und diese Begabungen zu aktivieren versteht, wird auch in Finanzkrisen überdauern. Sie wird nach der Lebensform suchen, die ihrem „Gegründet-sein in Christus“ entspricht, und das Wort sagen, das ihr von ihrem Herrn aufgetragen ist. Bei all dem wird und muss sie es wieder lernen, auf die Verheißung zu setzen, die Jesus seiner kleinen Herde gegeben hat (Lk 12,32), und auf die Kraft seines Geistes zu vertrauen.

Was einst in den Barmer Thesen prophetisch und ahnungsvoll formuliert wurde, kommt heute zu neuer aktueller Bedeutung. Daher sei These III hier noch einmal wiedergegeben, eine These, die sagt, welchen Weg unsere Kirche angesichts heutiger Herausforderungen unter die Füße nehmen kann und soll. 

Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. (Eph 4, l5. 16)

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern (und Schwestern), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

 



[1] A. Kurschus, „…daß eine neue Welt gegründet ist und wächst“: Zur öffentlichen Rede von Gott und ihrer Wirkung. Abgedruckt in: Pastoraltheologie, 108. Jahrgang, 2019/7, 275-286.

[2] Zitate aus Karl Barth, Die neue Welt in der Bibel, in: ders., Das Wort Gottes und die Theologie. München 1925. Von Kurschus zitiert, aaO 281.

[3] Zur aktuellen Infragestellung des sonntäglichen Gemeindegottesdienstes vgl. die jüngste Studie der EKD: „Faktoren des Kirchgangs“, erarbeitet vom Liturgischen Ausschuss der EKD (https://www.liturgische-konferenz.de/download/Kirchgangsstudie_2019_Ergebnispapier.pdf). Ihr Fazit: „Der normale Sonntagsgottesdienst, der das öffentliche Bild des Gottesdienstes nach wie vor stark prägt, ist dagegen nur für eine überschaubare Zielgruppe attraktiv. Seinem Anspruch eines für alle gültigen Hauptgottesdienstes wird er meist nicht gerecht. Angesichts schwindender personeller und finanzieller Ressourcen, vor allem aber mit Blick auf diese geringe Reichweite sollte vielerorts engagierter und ergebnisoffener über seinen Fortbestand diskutiert werden.“ (S.42. Hervorhebung von der Verfasserin)

[4] Vgl. Offb 1,10; Didache 14.1; Barn. 15,9; Ign. Magn. 9.

[5] Mt 28,1; Mk 16,2.9; Lk 24,1; Joh 20,1; Apg 20,7; 1. Kor 16,2

[6] Vgl. den Brief des jüngeren Plinius (Briefe 10,96) an Kaiser Trajan um 111 n.Chr., in dem Plinius die Frage stellt, wie er sich gegenüber als „Christen“ denunzierten Bürgern der von ihm verwalteten Provinz Bithynien verhalten soll. In Abschnitt 7 berichtet er, was er in den Befragungen herausbekommen hat.

[7] Vgl. hierzu das von Gisela Kittel und Eberhard Mechels herausgegebene und von Autoren aus verschiedenen Landeskirchen geschriebene Buch: Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, 2. Auflage, Göttingen 2017.

[8] Dies ist nach 1. Petr 2,9 die „Verkündigung“, zu der die ganze Gemeinde berufen ist. Vgl. zur Auslegung dieser Textstelle den Exkurs von Werner Führer, Reformation ist Umkehr. Rechtfertigung, Kirche und Amt in der Reformation und heute – Impulse aus kritischer Gegenüberstellung, Göttingen 2016, 84-88. Führer referiert in diesem Exkurs die Textauslegung von Otfried Hofius, die dieser zwar schon häufig vorgetragen hat, aber leider noch nicht drucken ließ.